Das Mysterium der Mary Celeste

Statt Klönrunde: Monoklönatische Handreichung Nr. 2, April 2020
Liebe Mitstreiter all der Klönrunden, die auf hoffentlich absehbare Zeit erst einmal nicht mehr stattfinden können. Damit die Pflege maritimer Tradition sich nicht ganz im Sande verliert, habe ich mir als Ersatz die Mitteilungsform ‚Monoklönatische Handreichung‘ ausgedacht. Ihr Vorzug: Thematisch bleiben wir bei den mit den Klönrunden gefundenen Exerzitien, wenn auch den Auflagen unterworfen, die uns coronahalber auferlegt wurden. Ich schöpfe einfach mal, sozusagen durch die Brust ins Auge, aus meinem Repertoire und hoffe sehr, dass es uns bald wieder vergönnt sein wird, im NAUTILUSHAUS vielstimmig zu agieren: Bis dahin gilt: Monoklönatische Handreichungen bis zum, sagen wir mal: Abwinken. Mein Flaggensatz gibt das durchaus her.
Das Mysterium der Mary Celeste
Manchmal spiegeln sich die Gewohnheiten entfernter Länder und Häfen an den unwahrscheinlichsten Orten. Von Föhr, friesich Feer, dänisch Før dürften die wenigsten Bewohner von New York jemals gehört haben. Dafür ist ihre Stadt bis heute auf der Insel mit dem Namen der Hauptinsel von New York City, Manhattan, präsent. Dabei geht es allerdings nicht um eine geografische Wahlverwandtschaft auf beiden Seiten des Atlantischen Ozeans, sondern, erstaunlich genug, um einen Drink. Der Manhattan, ein Cocktail, gemixt aus amerikanischem oder kanadischem Whiskey, rotem süßem Wermut und einer Prise Angostura-Bitter, auf Eis gerührt und nach dem Abseihen mit wenigstens einer Cocktailkirsche garniert, zählt auf Föhr zum Lebensgefühl wie auf den anderen nordfriesischen Inseln ein, zwei Bierchen samt Korn. Sogar auf Flaschen wird er von den Föhringern bis heute gezogen. Eine Beleidigung eigentlich für Cocktail-Enthusiasten, daher fairerweise für den Fall als Likör ausgewiesen.

Wie das um 1870 in New Yorker Bars erstmals kredenzte Getränk seinen Weg auf das im Windschatten von Amrum und Sylt liegende Föhr fand, gilt als geklärt. Auf Föhr existierte bis ans Ende des 19. Jahrhunderts sowohl eine Seefahrer- wie eine Auswanderergemeinde. Viele, die auf heimischer Scholle und in der Fischerei kein Auskommen fanden, verdingten sich auf Handelsschiffen oder emigrierten in die Vereinigten Staaten. Von dort kehrten nicht wenige, die in den dortigen Megastädten nicht Fuß zu fassen vermochten, an die nordfriesische Küste zurück. Von allem, dem sie begegnet waren, wollten viele freilich nicht lassen. So blieb von Manhattan wenigstens der Manhattan in ihren Kehlen und ihrem Gedächtnis. In der gelegentlich praktizierten Schreibweise Manhatten klingt wohl dies an: Hauptsache, man hatt’n.

Im Winter 1870/71 kehrt der aus Utersum auf Föhr in die Neue Welt ausgewanderte Volkert Lorenzen auf die Insel seiner Kindheit zurück. Sein sechs Jahre jüngerer Bruder Boy lauscht gebannt seinen Erzählungen. Die abendlichen Klönrunden im Elternhaus erwecken in beiden den Wunsch, es noch einmal zu versuchen. Das zu Zeiten ihrer Geburt dänische Før, 1864 preußisch geworden, trägt mit seiner neuen Bestimmung nicht wenig dazu bei. Vor die Entscheidung gestellt, den in dänischer Zeit nicht üblich gewesenen Militärdienst zu leisten, gelangen sie zu dem Schluss, dass die Freiheit der Meere schwerer wiegt als eine Pickelhaube, Tornister und Drill.
Über Hamburg gelangen sie auf einem Auswandererschiff der Sloman-Reederei von Hamburg nach New York. An ihrer Seite: Adrian Knuth Martens, aus Oldsum auf Föhr stammend, und Gerret Christian Tönissen von Amrum.

Auf der Suche nach einer Heuer werden die bis dahin eher glücklosen Seeleute im Hafen von New York einer Brigantine oder Schonerbrigg ansichtig, deren Beladung vor dem Abschluss zu stehen scheint. Ein schnittiges Fahrzeug, 31 m Länge über alles, am vorderen Mast mit Rahsegeln getakelt, achtern mit einem Schonersegel bestückt, erbaut 1861 auf der Schiffswerft von Joshua Dewis auf Spencer Island an der Fundy Bay, Neufundland, getauft als Amazon, und von den Besitzern, einer Eignergemeinschaft, auf Routen an der US-Ostküste, zu den Westindischen Inseln und in der Atlantikfahrt zum Einsatz gebracht. Die Ladung, die im November 1872 von New York nach Genua gebracht werden soll: 1 701 Fässer Industriealkohol, sorgfältig und fachgerecht gestaut, wie es den Anschein hat, als die Brüder Lorenzen und Adrian Knuth Martens sich der Sache annehmen. Am 4. November 1872 unterzeichnen die drei im Beisein von Kapitän Benjamin Briggs den Reisevertrag. Der vierte aus der ursprünglichen Entourage, Tönissen, ist nicht von dieser Partie. Dafür gelangt mit ihnen ein weiterer Friese, ein Ostfriese, Gottlieb Goudschaal aus Westerende, an Bord.

Dass die ursprüngliche Amazon inzwischen einen neuen Namen führt, Mary Celeste, hat mit einer ganzen Serie von nautischen Fehlschlägen zu tun, denen sich das Schiff ausgesetzt sah. Havarien, von einer Kollision mit einem Fischwehr vor der Küste von Maine bis zum Zusammenstoß mit einer Brigg vor Dover, den die Brigg nicht überstand, die damals noch Amazon aber schon. Feuer an Bord, Grundberührung vor Cape Breton Island, Nova Scotia, am Ende der Entschluss: ein neuer Name muss her für das Unglücksschiff. Und das, obwohl zu der Zeit noch geglaubt wurde, Namensänderungen von Schiffen riefen noch mehr Unglück herbei. Nach diversen Reparaturen, einer Pfändung und vollständiger Instandsetzung verständigen sich die neuen Eigner James H. Winchester, Sylvester Goodwin und Daniel Sampson in New York auf einen neuen Namen: Mary Sellars. Selbst dieser Versuch, weiteres Unheil abzuwenden, missrät. Dem aus Frankreich stammenden Handwerker, der fürs Heck das Namensschild schnitzt, unterläuft ein Hör- oder, auf diesen folgend, ein Schreibfehler: Mary Celeste, New York. Als solche verlässt sie am 7. November 1872 den dortigen Hafen.

Ebenfalls an Bord befindet sich die Ehefrau des Kapitäns, Sara Elizabeth Briggs, sowie deren zweijährige Tochter Sophia Matilda. Außerdem die Schiffskatze, Poo-uh Poo gerufen, und ein Harmonium, zur Zerstreuung der musisch orientierten Kapitänsgattin beschafft. Kapitän Briggs geht der Ruf eines strenggläubigen Puritaners voraus, der Alkohol meidet und auch der Mannschaft keinen Zugang zu ihm erlaubt. Ein von Ironie nicht freier Begleitumstand dieser Reise angesichts der Ladung des Schiffs. Ein Beiboot der Mary Celeste wurde bei den Stauarbeiten so schwer beschädigt, dass es an Land geschafft werden musste. Das zweite, an Bord verbliebene, ist für die Aufnahme von zehn Menschen im Havariefall ausgelegt. Es wird, wie Besatzung und Passagiere, spurlos verschwinden.

Am 5. Dezember 1872 wird von der sieben Tage nach der Mary Celeste in New York ausgelaufenen Brigg Dei Gratia auf halber Distanz zwischen den Azoren und Gibraltar ein auf Gegenkurs befindliches Schiff ausgemacht, augenscheinlich auf dem Weg zur amerikanischen Ostküste, vielleicht sogar bestimmt für New York. Jeder Versuch, über Flaggen- und Schallsignale mit dem Fahrzeug in Verbindung zu treten, schlägt allerdings fehl. Schließlich, als man auf der Dei Gratia die teilweise zerfetzten Segel und die aus den Blöcken ausgerauschten Leinen des laufenden Guts bei dem Gegenüber bemerkt, lässt David Reede Morehouse, der Kapitän der Brigg, ein Beiboot aussetzen und schickt zwei Offiziere zur Aufklärung der Gegebenheiten hinüber. Der Befund fällt ernüchternd aus. An Bord der schnell als die Mary Celeste identifizierten Brigantine befindet sich nicht eine Seele. Die Schonerbrigg ist als Geisterschiff unterwegs, ohne dass sich ergründen ließe, weshalb.

Es fehlt augenscheinlich an nichts, und doch an allem. Das stehende Gut erweist sich als intakt, dem laufenden hingegen fehlt es deutlich an Ordnung, wiewohl, wie sich später herausstellen wird, die Art und Zahl der gesetzten Segel exakt dem letzten Eintrag vom 24. November im noch auffindbaren Logbuch entspricht. Im Schiffsinneren viel Wasser, ein aus seiner Verankerung gerissener Ofen, eine defekte Lenzpumpe. Der Kompass: zerstört. Die Schiffsuhr: defekt. Nahrungs- und Wasservorräte sind noch in ausreichendem Maß vorhanden. Das Fehlen von Sextant, Chronometer und Beiboot deuten allerdings auf ein planvolles Verlassen des Schiffs. Die Ladung: unangetastet. Wie sich bei der späteren Bergung in Genua herausstellen wird, sind neun der zu Beginn der Reise gestauten Fässer leer.

Seit bald 150 Jahren kreuzt die Mary Celeste als das exemplarische Geisterschiff durch Medien, Musik und Literatur. Die in Gibraltar anberaumte Seeamtsverhandlung führte zu keinem brauchbaren Ergebnis. Lediglich der Beauftragte der British Admiralty, Frederick Solly Flood, setzte Führung und Besatzung der Dei Gratia als Nutznießer der Havarie der Mary Celeste unter Verdacht, mit dem Ergebnis, dass das von diesen beanspruchte Bergungsgeld sehr viel geringer ausfiel. Ansonsten Spekulationen über Spekulationen, mit viel prominenten Namen im Spiel: Stephen King, Marion Zimmer Bradley, Al Stewart, und mit einer einzigen, wenigstens plausibel erscheinenden Theorie: Der in den Fässern der Ladung transportierte Rohalkohol, so der Versicherungsexperte Sir William Charles Crocker, sei notwendigerweise zu Teilen in als Aerosol aus diesen ausgetreten. Möglicherweise hat dabei für die Aufbewahrung von Alkohol ungeeignetes Holz eine Rolle gespielt. So ließen sich auch die neun in Genua gelöschten Fässer erklären. Wegen solcher Umstände bedurfte es für den Frachtraum regelmäßiger und gründlicher Entlüftung. Bei schwerem Wetter, als ein Verschlusszustand hergestellt werden musste, ist die wohl unterblieben.

Die Alkoholdämpfe fanden, so Crockers Mutmaßung, über eine offene Verbindung ihren Weg in die Kombüse. Als dort der Schiffsofen angesteckt wurde, kam es zu einer Verpuffung. Das Fehlen von Verbrennungsrückständen auf der Mary Celeste fügt sich durchaus in dieses Szenar. Alkohol verbrennt nahezu rauch- und rußfrei, was Köchen bekanntermaßen das Flambieren erleichtert. Dem Autor Eigel Wiese, Verfasser einer Biografie der Mary Celeste, ist es gelungen, diese Theorie im Experiment zu erhärten. Wahrscheinlich, darf man vermuten, verließ deren Besatzung aus Furcht vor weiteren Explosionen aus freien Stücken das Schiff. Mitsamt dem Beiboot, mit dem sie sich abzusetzen versuchten, gingen sie im Atlantik für immer verloren.

Gerald Sammet

Pest an Bord

Statt Klönrunde: Monoklönatische Handreichung Nr. 1, März 2020
Liebe Mitstreiter all der Klönrunden, die auf hoffentlich absehbare Zeit erst einmal nicht mehr stattfinden können. Damit die Pflege maritimer Tradition sich nicht ganz im Sande verliert, habe ich mir als Ersatz die Mitteilungsform ‚Monoklönatische Handreichung‘ ausgedacht. Ihr Vorzug: Thematisch bleiben wir bei den mit den Klönrunden gefundenen Exerzitien, wenn auch den Auflagen unterworfen, die uns coronahalber auferlegt wurden. Ich schöpfe einfach mal, sozusagen durch die Brust ins Auge, aus meinem Repertoire und hoffe sehr, dass es uns bald wieder vergönnt sein wird, im Nautilushaus vielstimmig zu agieren: Bis dahin gilt: Monoklönatische Handreichungen bis zum, sagen wir mal: Abwinken. Mein Flaggensatz gibt das, wie schon das erste Beispiel zeigt, durchaus her.

Pest an Bord
Romantiker liegen mit dem, was sie anzurühren vermag, meistens gar nicht so falsch. Man muss sein Ohr nur einem unserer immer noch zahlreichen Shanty-Chöre schenken, und schon werden wir von Text und Melodie auf die richtige Fährte geführt: „Wir lagen vor Madagaskar / und hatten …“, ja, irgendwas war auf dem Schiff, um das das einprägsame Liedchen sich dreht, offenbar tatsächlich passiert. „In den Kesseln, da faulte das Wasser / und täglich ging einer über Bord.“ Wobei >ging< eher Zweifel weckt. Auf eigenen Füßen kam, in solchen Situationen, kaum einer davon.
Waren aber auch Zeiten, als die Seefahrt sich noch als christlich ausgab: Nichts als Havarien und Epidemien, bis hin zur heute von Shanty-Chören ahnungslos beschworenen Pest. Jedes Schiff hatte zwar seinen Arzt, von denen nicht wenige, wie die maritime Romanliteratur zeigt, zur Trunkenheit neigten. Auch das wird erinnert als eine in der Seefahrt verbreitete Pest. Ausrichten konnten die Herren Doctores an Bord ohnehin kaum etwas. Thomas Huggan, der Schiffsarzt auf der HMS Bounty, schaffte es nicht einmal bis nach Pitcairn. Schon vor der legendären Meuterei erlag er 1788 auf Tahiti dem Suff.
Die Dinge mögen heute übersichtlicher liegen. Einfacher geworden ist deswegen offenbar nichts. Zwar hat noch keiner unserer Chöre ein Corona-Lied in seinem Repertoire. Besingen ließe sich, was uns da zugestoßen ist, allerdings schon. MTV-Jahreshauptversammlung: Perdu. Klönrunden: Bis auf Weiteres an ein Schweigegelübde gebunden. Radio-Aktivitäten auf unserem Schlepper >Regina<: Funkstille, weltweit. Nautilushaus und Signalstation: Vorübergehend geschlossen. Selbst am >Vegesacker Jungen<, als Gestalt definitiv eine Erfindung von hohem Aufmerksamkeitswert, nagt ein Verdacht. Fragte doch eine politische Partei im Beirat Vegesack tatsächlich, ob der nicht besser ein Mädchen sein sollte. Eins mit aus freien Stücken geleerten Taschen, darf man vermuten. Neptun, Herrscher der Meere: Schenke uns wenigstens bessere Debatten zum Thema Schulschiff hier, Hochhaus da. Weil sonst womöglich beides den Bach runter geht.
Corona, so viel steht fest, haben nicht nur wir. Corona hat uns alle gekriegt. Dabei ist die Sache, schaut man genauer auf dieses Virus und seine Verbreitungsumstände, nicht wirklich neu. In irgendwelchen Kesseln unserer globalen Wirtschaftsordnung muss sich unerwartet Fäulnis festgesetzt haben. Schiffe und Flugzeuge verbreiteten sie auf dem gesamten Planeten, nach eigentlich längst geläufigen Mustern. Nur: Wer erinnert schon noch, dass mit den kolonialen Eroberern aus Europa auch deren Grippe-Viren nach Nord- und Südamerika gelangten. Ganze Zivilisationen verschwanden spurlos oder sicherten sich ein bescheideneres Überleben durch Anpassungsvermögen und Mutation.
Nach der ersten Begegnung der kolumbianischen Expedition mit dem 300 000 Angehörige zählenden Volk der Tainos 1492 vergingen keine dreißig Jahre bis zu dessen nahezu vollständiger Auslöschung. Influenza, Pocken und Masern haben dabei neben den von den Spaniern auf der Insel Hispaniola, heute Haiti, verübten Grausamkeiten eine wesentliche Rolle gespielt. Geblieben von den Tainos ist, außer kargen Überlieferungen, lediglich eine allerdings epochale und auch für das spätere Leben auf Schiffen maßgebliche Erfindung: Die Hängematte, als Schlafplatz, der sich auch unter widrigen Bewegungsumständen bewährt. Als Krankenlager, darf man vermuten, in den sich ausbreitenden karibischen Seuchengebieten wahrscheinlich auch.
Dass nicht nur die Europäer Not und Elend in die von ihnen eroberten Territorien schleppten, lässt sich daraus lernen, dass auch sie für ihre Ahnungslosigkeit teuer bezahlten. So gelangte die bis dahin in der Alten Welt unbekannte Syphilis mitsamt all den in der Neuen Welt beschafften Reichtümern nach Europa. Das verbreitete Bild vom syphilitischen Ritter ist in sich nicht ganz stimmig, denn mit dem Rittertum war es am Beginn der Neuzeit eigentlich schon vorbei. Für hässliche Krankheitsbilder und Therapien, so abenteuerlich wie die damaligen Reiseunternehmen, reichte es gerade noch. Was die Pest angeht: Pfeffer und Muskat haben, als vermeintliche Heilmittel gegen sie, den abendländischen Gewürzhandel in großem Umfang beflügelt. Nicht zuletzt die Niederlande verdanken diesem Köhlerglauben ihren Aufstieg zur Welthandelsmacht. Um das Muskatnuss-Inselchen Run im fernöstlichen Banda-Archipel lagen Niederländer und Briten so ausdauernd im Streit, dass die holländische Kolonie Nieuw Amsterdam am Ende, nach einem Tauschgeschäft, in britische Hände geriet. Das heutige New York ist quasi ein auf diesen kriegerischen Handel gemünzter Quittungsbeleg.
So zeigt sich, an diesem wie an vielen vergleichbaren Beispielen: Epidemien, beziehungsweis Pandemien, sind der Preis, oder wenigstens das Preisrisiko, für die weltweite Verflechtung von wirtschaftlichem Handeln, politischem und gesellschaftlichem Mit- und Nebeneinander und den Austausch genetischer Dispositionen. Vor Madagaskar zu liegen, wie in dem populären Lied von der Pest, schließt ein, dass es um Kopf und Kragen gehen wird, sollten die Umstände sich als ungünstig erweisen. Wobei festzustellen bleibt: Globalisierung ist wenigstens zwei Jahrtausende alt. Schon durchs Römische Reich, das die damals bekannten drei Kontinente überspannte, strich, von Nahost her kommend, die Pest.
Im romantisierenden Shanty wird als Glücksfall die gelungene Rückkehr beschworen. Als unabdingbare Voraussetzung dafür gelten heute freilich Vorsichtsmaßnahmen wie diejenigen, die sich derzeit bis auf als ach so selbstverständliche angesehene Tätigkeiten wie den Betrieb unserer Barkasse Vegebüdel auswirken. Dass, wo Menschen aufeinander treffen, ein Austausch stattfindet, hat nicht nur soziale Seiten. Das Corona-Virus zeigt uns, das es beim Leben auf der Erde letztlich um mehr geht als um unsere eigene Existenz. Als, unverkennbar, Bio-Produkt, setzt es eigene Regeln. Kein Schuft, wem dazu einfallen sollte, dass Shanty-Romantik und die grassierende Bio-Romantik eine deutliche Schnittmenge aufweisen. Beide blenden viel von unserer Wirklichkeit aus.
Wenigstens schwirren noch die Namen all der an Bord wie an Land ihre eigene Art von Alltag prägenden Krankheiten durch die Seefahrtsgeschichte: Cholera, Ruhr, selbst die Tuberkulose setzte, wegen der staubigen Ladungen in der Getreidefahrt, den Schiffsbesatzungen zu. Der letzte große Ausbruch der Cholera in Deutschland kostete im August 1892 in Hamburg mehr als 8 000 Menschen das Leben. Mit den Auswandererschiffen gelangte die Seuche bis nach New York. Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, zeugt als ehemalige Quarantänestation und mittlerweile Auswanderermuseum, bis heute von der damals getroffenen Gefahrenabwehr.
Flagge zeigen, auch ein aus dem Sprachgebrauch der Seefahrer in den Alltag eingewanderter Begriff, zielt im Übrigen exakt auf die für den Fall eines Ausbruchs von Seuchen einzuleitenden Maßnahmen. Die gelbe Quarantäne- oder Quebecflagge, über das gelbschwarze L der Limaflagge gesetzt, zeigt unmissverständlich an: „Mein Schiff ist verseucht / Mein Schiff ist seuchenverdächtig.“ Jeden nicht unabwendbaren Kontakt gilt es für einen solchen Fall zu vermeiden. Bei der Ausbreitung des Corona-Virus, die sich nicht auf das Geschehen auf einem Schiff mit in den Kesseln faulendem Wasser einschränken lässt, liegen die Verhältnisse sehr viel komplexer. Selbst öffentlich geführte Debatten können sich in solchen Zusammenhängen nachteilig auswirken, wenn, zum Beispiel, die sehr viel höhere Zahl der jährlichen Grippetoten mit der aktuellen der Corona-Toten in Verbindung gesetzt wird.
Bei der Influenza handelt es sich um ein seit langem klassifiziertes Krankheitsbild mit entsprechender, eingängiger Risikobewertung. In aller Welt wird sie noch als die nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausbruch gelangte Spanische Grippe erinnert. Der bei weitem schwerwiegendste Seuchenausbruch in der modernen Welt überhaupt. Das in der Fachsprache Corvid19 genannte Corona-Virus hingegen ist, was seine Entstehung und Ausbreitung angeht, vollkommen neu und bei weitem noch nicht verstanden. Es ist daher nur konsequent, auf Seemannsart, mit der Limaflagge die Quebecflagge aufzuziehen. Für unbekümmerte Lieder, bei denen es um irgendeine längst ausgestandene Pest an Bord geht, gibt diese Krankheit einfach nichts her.
Gerald Sammet