Pest an Bord

Statt Klönrunde: Monoklönatische Handreichung Nr. 1, März 2020
Liebe Mitstreiter all der Klönrunden, die auf hoffentlich absehbare Zeit erst einmal nicht mehr stattfinden können. Damit die Pflege maritimer Tradition sich nicht ganz im Sande verliert, habe ich mir als Ersatz die Mitteilungsform ‚Monoklönatische Handreichung‘ ausgedacht. Ihr Vorzug: Thematisch bleiben wir bei den mit den Klönrunden gefundenen Exerzitien, wenn auch den Auflagen unterworfen, die uns coronahalber auferlegt wurden. Ich schöpfe einfach mal, sozusagen durch die Brust ins Auge, aus meinem Repertoire und hoffe sehr, dass es uns bald wieder vergönnt sein wird, im Nautilushaus vielstimmig zu agieren: Bis dahin gilt: Monoklönatische Handreichungen bis zum, sagen wir mal: Abwinken. Mein Flaggensatz gibt das, wie schon das erste Beispiel zeigt, durchaus her.

Pest an Bord
Romantiker liegen mit dem, was sie anzurühren vermag, meistens gar nicht so falsch. Man muss sein Ohr nur einem unserer immer noch zahlreichen Shanty-Chöre schenken, und schon werden wir von Text und Melodie auf die richtige Fährte geführt: „Wir lagen vor Madagaskar / und hatten …“, ja, irgendwas war auf dem Schiff, um das das einprägsame Liedchen sich dreht, offenbar tatsächlich passiert. „In den Kesseln, da faulte das Wasser / und täglich ging einer über Bord.“ Wobei >ging< eher Zweifel weckt. Auf eigenen Füßen kam, in solchen Situationen, kaum einer davon.
Waren aber auch Zeiten, als die Seefahrt sich noch als christlich ausgab: Nichts als Havarien und Epidemien, bis hin zur heute von Shanty-Chören ahnungslos beschworenen Pest. Jedes Schiff hatte zwar seinen Arzt, von denen nicht wenige, wie die maritime Romanliteratur zeigt, zur Trunkenheit neigten. Auch das wird erinnert als eine in der Seefahrt verbreitete Pest. Ausrichten konnten die Herren Doctores an Bord ohnehin kaum etwas. Thomas Huggan, der Schiffsarzt auf der HMS Bounty, schaffte es nicht einmal bis nach Pitcairn. Schon vor der legendären Meuterei erlag er 1788 auf Tahiti dem Suff.
Die Dinge mögen heute übersichtlicher liegen. Einfacher geworden ist deswegen offenbar nichts. Zwar hat noch keiner unserer Chöre ein Corona-Lied in seinem Repertoire. Besingen ließe sich, was uns da zugestoßen ist, allerdings schon. MTV-Jahreshauptversammlung: Perdu. Klönrunden: Bis auf Weiteres an ein Schweigegelübde gebunden. Radio-Aktivitäten auf unserem Schlepper >Regina<: Funkstille, weltweit. Nautilushaus und Signalstation: Vorübergehend geschlossen. Selbst am >Vegesacker Jungen<, als Gestalt definitiv eine Erfindung von hohem Aufmerksamkeitswert, nagt ein Verdacht. Fragte doch eine politische Partei im Beirat Vegesack tatsächlich, ob der nicht besser ein Mädchen sein sollte. Eins mit aus freien Stücken geleerten Taschen, darf man vermuten. Neptun, Herrscher der Meere: Schenke uns wenigstens bessere Debatten zum Thema Schulschiff hier, Hochhaus da. Weil sonst womöglich beides den Bach runter geht.
Corona, so viel steht fest, haben nicht nur wir. Corona hat uns alle gekriegt. Dabei ist die Sache, schaut man genauer auf dieses Virus und seine Verbreitungsumstände, nicht wirklich neu. In irgendwelchen Kesseln unserer globalen Wirtschaftsordnung muss sich unerwartet Fäulnis festgesetzt haben. Schiffe und Flugzeuge verbreiteten sie auf dem gesamten Planeten, nach eigentlich längst geläufigen Mustern. Nur: Wer erinnert schon noch, dass mit den kolonialen Eroberern aus Europa auch deren Grippe-Viren nach Nord- und Südamerika gelangten. Ganze Zivilisationen verschwanden spurlos oder sicherten sich ein bescheideneres Überleben durch Anpassungsvermögen und Mutation.
Nach der ersten Begegnung der kolumbianischen Expedition mit dem 300 000 Angehörige zählenden Volk der Tainos 1492 vergingen keine dreißig Jahre bis zu dessen nahezu vollständiger Auslöschung. Influenza, Pocken und Masern haben dabei neben den von den Spaniern auf der Insel Hispaniola, heute Haiti, verübten Grausamkeiten eine wesentliche Rolle gespielt. Geblieben von den Tainos ist, außer kargen Überlieferungen, lediglich eine allerdings epochale und auch für das spätere Leben auf Schiffen maßgebliche Erfindung: Die Hängematte, als Schlafplatz, der sich auch unter widrigen Bewegungsumständen bewährt. Als Krankenlager, darf man vermuten, in den sich ausbreitenden karibischen Seuchengebieten wahrscheinlich auch.
Dass nicht nur die Europäer Not und Elend in die von ihnen eroberten Territorien schleppten, lässt sich daraus lernen, dass auch sie für ihre Ahnungslosigkeit teuer bezahlten. So gelangte die bis dahin in der Alten Welt unbekannte Syphilis mitsamt all den in der Neuen Welt beschafften Reichtümern nach Europa. Das verbreitete Bild vom syphilitischen Ritter ist in sich nicht ganz stimmig, denn mit dem Rittertum war es am Beginn der Neuzeit eigentlich schon vorbei. Für hässliche Krankheitsbilder und Therapien, so abenteuerlich wie die damaligen Reiseunternehmen, reichte es gerade noch. Was die Pest angeht: Pfeffer und Muskat haben, als vermeintliche Heilmittel gegen sie, den abendländischen Gewürzhandel in großem Umfang beflügelt. Nicht zuletzt die Niederlande verdanken diesem Köhlerglauben ihren Aufstieg zur Welthandelsmacht. Um das Muskatnuss-Inselchen Run im fernöstlichen Banda-Archipel lagen Niederländer und Briten so ausdauernd im Streit, dass die holländische Kolonie Nieuw Amsterdam am Ende, nach einem Tauschgeschäft, in britische Hände geriet. Das heutige New York ist quasi ein auf diesen kriegerischen Handel gemünzter Quittungsbeleg.
So zeigt sich, an diesem wie an vielen vergleichbaren Beispielen: Epidemien, beziehungsweis Pandemien, sind der Preis, oder wenigstens das Preisrisiko, für die weltweite Verflechtung von wirtschaftlichem Handeln, politischem und gesellschaftlichem Mit- und Nebeneinander und den Austausch genetischer Dispositionen. Vor Madagaskar zu liegen, wie in dem populären Lied von der Pest, schließt ein, dass es um Kopf und Kragen gehen wird, sollten die Umstände sich als ungünstig erweisen. Wobei festzustellen bleibt: Globalisierung ist wenigstens zwei Jahrtausende alt. Schon durchs Römische Reich, das die damals bekannten drei Kontinente überspannte, strich, von Nahost her kommend, die Pest.
Im romantisierenden Shanty wird als Glücksfall die gelungene Rückkehr beschworen. Als unabdingbare Voraussetzung dafür gelten heute freilich Vorsichtsmaßnahmen wie diejenigen, die sich derzeit bis auf als ach so selbstverständliche angesehene Tätigkeiten wie den Betrieb unserer Barkasse Vegebüdel auswirken. Dass, wo Menschen aufeinander treffen, ein Austausch stattfindet, hat nicht nur soziale Seiten. Das Corona-Virus zeigt uns, das es beim Leben auf der Erde letztlich um mehr geht als um unsere eigene Existenz. Als, unverkennbar, Bio-Produkt, setzt es eigene Regeln. Kein Schuft, wem dazu einfallen sollte, dass Shanty-Romantik und die grassierende Bio-Romantik eine deutliche Schnittmenge aufweisen. Beide blenden viel von unserer Wirklichkeit aus.
Wenigstens schwirren noch die Namen all der an Bord wie an Land ihre eigene Art von Alltag prägenden Krankheiten durch die Seefahrtsgeschichte: Cholera, Ruhr, selbst die Tuberkulose setzte, wegen der staubigen Ladungen in der Getreidefahrt, den Schiffsbesatzungen zu. Der letzte große Ausbruch der Cholera in Deutschland kostete im August 1892 in Hamburg mehr als 8 000 Menschen das Leben. Mit den Auswandererschiffen gelangte die Seuche bis nach New York. Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, zeugt als ehemalige Quarantänestation und mittlerweile Auswanderermuseum, bis heute von der damals getroffenen Gefahrenabwehr.
Flagge zeigen, auch ein aus dem Sprachgebrauch der Seefahrer in den Alltag eingewanderter Begriff, zielt im Übrigen exakt auf die für den Fall eines Ausbruchs von Seuchen einzuleitenden Maßnahmen. Die gelbe Quarantäne- oder Quebecflagge, über das gelbschwarze L der Limaflagge gesetzt, zeigt unmissverständlich an: „Mein Schiff ist verseucht / Mein Schiff ist seuchenverdächtig.“ Jeden nicht unabwendbaren Kontakt gilt es für einen solchen Fall zu vermeiden. Bei der Ausbreitung des Corona-Virus, die sich nicht auf das Geschehen auf einem Schiff mit in den Kesseln faulendem Wasser einschränken lässt, liegen die Verhältnisse sehr viel komplexer. Selbst öffentlich geführte Debatten können sich in solchen Zusammenhängen nachteilig auswirken, wenn, zum Beispiel, die sehr viel höhere Zahl der jährlichen Grippetoten mit der aktuellen der Corona-Toten in Verbindung gesetzt wird.
Bei der Influenza handelt es sich um ein seit langem klassifiziertes Krankheitsbild mit entsprechender, eingängiger Risikobewertung. In aller Welt wird sie noch als die nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausbruch gelangte Spanische Grippe erinnert. Der bei weitem schwerwiegendste Seuchenausbruch in der modernen Welt überhaupt. Das in der Fachsprache Corvid19 genannte Corona-Virus hingegen ist, was seine Entstehung und Ausbreitung angeht, vollkommen neu und bei weitem noch nicht verstanden. Es ist daher nur konsequent, auf Seemannsart, mit der Limaflagge die Quebecflagge aufzuziehen. Für unbekümmerte Lieder, bei denen es um irgendeine längst ausgestandene Pest an Bord geht, gibt diese Krankheit einfach nichts her.
Gerald Sammet