Maritime Gefühle

Statt Klönrunde: Monoklönatische Handreichung Nr. 7, Februar 2021

Ein Schiff soll bleiben

Vorab: Der Frage, ob wegen eines noch nicht einmal gebauten Hochhauses der Traditionssegler >Schulschiff Deutschland< von seinem derzeitigen Liegeplatz in Bremen-Vegesack vor die bereits existierende Hochhauskulisse von Columbus Center und Sail City in Bremerhaven verlegt werden sollte, wird hier nicht nachgegangen. Der Drops war wohl gelutscht, bevor versucht wurde, ihn einigermaßen ansprechend zu verpacken.

Weniger nüchtern wurde und wird die Angelegenheit Schulschiff von allen gesehen, denen die Pflege maritimer Tradition so sehr ans Herz gewachsen ist, dass sie der Herkunft und Tragweite ihrer Gefühlsregungen nicht immer ganz sicher zu sein scheinen. Dabei entgeht manchen so manches. So zum Beispiel, dass nicht ein vorerst nur in Aussicht gestelltes Gebäude derzeit den Blick auf das Kulturdenkmal >Schulschiff Deutschland< verstellt, sondern vor allem das vom Trägerverein mit zum Teil öffentlichen Mitteln und dem Zuspruch engagierter Bürger errichtete Schulschiffhaus.

Bleiben wir also bei den Gefühlen, die uns maritime Traditionalisten, Schulschiff hin oder her, gelegentlich umtreiben. Da wurde so mancher Vorschlag in die Debatte geworfen. Nicht immer tauglich, aber getragen vom Verlangen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart eine Brücke zu schlagen. In heden en verleden, wie unsere niederländischen Nachbarn das nennen. Bei der Gelegenheit eine Ausflugsempfehlung für die Zeit nach Corona: Das Noordelijk Scheepvaartmuseum in Bremens Nachbarstadt Groningen verdient jeden Besuch. Vorausgesetzt, das Land Niedersachsen und die Deutsche Bahn kriegen das mit der Emsbrücke irgendwann hin.

Die erste Gefühlsregung in der Hochhausdebatte: Die per Leserbrief verbreitete Behauptung eines im Museumshaven Vegesack bestens beleumundeten ehemaligen Mitarbeiters der Bremer Seemannsmission, bei der in Bremerhaven in ein Wrack verwandelten >Seute Deern< habe es sich nicht um ein mit der Stadt verbundenes Fahrzeug gehandelt. Man erkenne das vor allem am Heck des Seglers, gekennzeichnet mit Hamburg als dem eigentlichen Heimathafen des Schiffs. 1919 in den USA gebaut, seit 1966 in Bremerhaven liegend, hat die >Seute Deern< allerdings mehr als die Hälfte ihrer Jahre dort verbracht. Durchaus im Rang eines Wahrzeichens der Seestadt, wo man jetzt alles dafür gibt, sie durch die >Schulschiff Deutschland< zu ersetzen.

Es lohnt sich, auch in diesem Fall, auf die in Stellung gebrachten Gefühle zu schauen. Sie stecken unübersehbar in dem Begriff Heimathafen. Mit dem verhält es sich ein bisschen wie mit dem neuerdings populär gewordenen „Bier von hier“. Lässt einen an Nähe und Verbundenheit denken, auch wenn es, wie das wiederbelebte Hemelinger, nicht in dem seinen Namen dafür aufrufenden Bremer Stadtteil, sondern in Braunschweig bei Wolters gebraut wird. Nähme man alle am Heck von Schiffen vermerkten Heimathäfen beim Wort, müsste man sich in der Tat fragen, ob je eines der in Nassau, Bahamas, Monrovia, Liberia oder Majuro, Marshal Islands eingetragenen Fahrzeuge jemals dort war. Nicht zuletzt aus dem Grund wird in der englischsprachigen Welt der Herkunftsort von Schiffen weniger gefühlsbetont als port of registration geführt. Das gilt im Übrigen auch für die aus Oldenburg auf uns gekommene >Schulschiff Deutschland<, die, wegen der fehlenden Wassertiefe in der Hunte, dort nie lag. Und was hätte, nach solcher Lesart, die erste >Alexander von Humboldt< mit Bremerhaven als Heimathafen an der Schlachte in Bremen verloren?

Eine weitere, maritimer Traditionspflege verbundene Sentimentalität zeigte sich darin, dass von verschiedener Seite angeregt wurde, den Transatlantik-Liner >United States< als Ersatz für die >Seute Deern< nach Bremerhaven zu holen. Ein Schiff mit deutlichem Bezug zur Seestadt. Von 1953 bis zur Einstellung der transatlantischen Linienschifffahrt 1969 bediente sie die Verbindung von und nach New York. Nicht zuletzt ihretwegen hatte man die Columbuskaje an der Weser-Fahrrinne ab 1958 zu einem leistungsfähigen Passagierterminal aufgerüstet. Ein bestechender Gedanke also, wiewohl allein die schiere Größe (53 329 BRT, Lüa 301,9 m) des auch als Truppentransporter und Hospitalschiff für die US Navy konzipierten Dampfers das Ansinnen mehr als ein bisschen anrüchig macht.

Allein wegen der möglichen militärischen Nutzung des leistungsstärksten je gebauten Handelsschiffs entstünde bei einer Rückführung der >United States< ein Problem. Details der ursprünglich für Flugzeugträger entwickelten Turbinentechnik unterliegen bis heute der Geheimhaltung. Letztlich deutet sich deswegen ein Veräußerungsverbot an Eigner außerhalb der USA an. Wiewohl: Nach 1992 befand sie sich gleichwohl für eine Übergangszeit in türkischer Hand, bevor 2003 die Norwegian Cruise Line, ein entgegen seinem Namen in Miami, Florida ansässiges Unternehmen das Schiff mit dem Ziel übernahm, es im Passagierdienst zwischen Kalifornien und Hawaii einzusetzen. Das Vorhaben zielte weniger auf konventionellen Linienverkehr als auf das, was die eigentliche Anziehungskraft der Big U, wie sie von ihren Liebhabern genannt wird, ausmacht: Nicht Reisen von einer Destination A nach B, sondern die Passage an sich auf einem in jeder Hinsicht unvergleichlichen Schiff.

Bis heute hält Big U die Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung im Liniendienst von Ambrose Lighthouse nach Bishop Rock, in östlicher wie in umgekehrt westlicher Richtung: Das Blaue Band. Die Fahrtzeit: 3 Tage, 10 Stunden, 40 Minuten bzw. 3 Tage, 12 Stunden und 12 Minuten. Nach bis in die Gegenwart von der US-Navy nicht bestätigten Angaben aus der Zeit ihrer Erprobung lag die experimentell erreichte Maximalgeschwindigkeit bei 41,5 kn. Ausgelegt war die >United States< für maximal 1 928 Passagiere oder den Transport von 15 000 GIs.

Heute liegt die United States, entkernt und zahlreicher Bauteile beraubt (darunter die Davits und Rettungsboote), mit immer noch intakter Silhouette in Philadelphia an der US-Ostküste auf. Gerettet durch die Spendenaktion einer eigens für ihren Erhalt gegründeten privaten Initiative, der SS United States Conservancy. Deren Ziel: Der Neuausbau zu einem Hotelschiff mit Liegeplatz an der New Yorker Pier 57 am Hudson River. Der hierfür erforderliche immense finanzielle Aufwand hat allerdings dafür gesorgt, dass sich solche Pläne schon mehrfach zerschlugen. Selbst, wieder mit Blick auf Bremerhavener Begehrlichkeiten, ein Vorhaben wie der Nachbau der >Seute Deern< wäre, daran gemessen, aus der Portokasse zu haben.

Welchen Aufwand man betreiben müsste, um ein Schiff wie The Big U zur maritimen Attraktion umzugestalten, lehrt ein Blick auf einen anderen traditionsbehafteten Oceanliner. In Long Beach, Los Angeles County, liegt seit 1967 die von 1936 bis in dieses Jahr von der ursprünglich britischen Cunard Line im Passagierdienst eingesetzte >Queen Mary<. Abgeschirmt gegen den offenen Pazifik in einem weiträumigen Bassin, eigentlich einem eigens für sie geschaffenen Hafen. Als schwimmendes Hotel, Museum und Tagungszentrum durchaus Erträge abwerfend, allerdings in einem Umfeld, das sich deutlich vom notorisch klammen Bremerhaven abhebt. Man mag sich nicht vorstellen, welche Kosten für einen solchen Liegeplatz im Tiderevier der Außenweser aufgebracht werden müssten. Es sei denn, man entschiede sich dazu, für die >United States< ihren irgendwie ja angestammten Liegeplatz an der Columbuskaje freizuräumen. Ein Aufenthaltsort, zu dem es nicht einmal mehr einen Bahnanschluss gibt, und auch sonst keine nennenswerten Verbindungen zur Stadt.

Ein schöner Schein und gleichwohl eine Herzensangelegenheit also auch dieses Projekt. Wie die Angelegenheit ‚Weißer Schwan der Unterweser‘, die die der Pflege maritimer Traditionen zugewandten Gemüter seit geraumer Zeit bewegt. So sie nicht in eine bestimmte Richtung bewegt werden sollten, wird man mit Blick auf die eher rätselhafte Vegesacker Hochhausdebatte wohl hinzufügen müssen. Auf manchmal recht eigenwillige Weise wird auf dem Gebiet mit einem Schulschiff gerade Schule gemacht. Die Moral von der Geschichte: Maritime Traditionspflege zielte immer darauf, Verbindungen zu schaffen. Bindungen, von der Gegenwart in die Vergangenheit, auch. Sie sind der Kern eines mit dem Blick zurück nach vorn agierenden Bürgersinns, weit mehr als eine als anstößig befundene Hoch hinaus-Architektur.

Gerald Sammet

PS: Das arg verspätete Erscheinen dieser Ausgabe der monoklönatischen Handreichungen rührt nicht von irgendwelcher Unlust meinerseits, sondern von massiven Störungen in meinem Mailsystem, bis zu dessen, ein paar Tage vor Weihnachten, endgültigem Kollaps. Alles, Hardware wie Software, musste letztendlich ausgetauscht werden. Jetzt sind wir wieder auf Kurs.

SS UNITED STATES