MTV on tour

Gerald Sammet

Labskaus war aus
Der erste Ausflug der Reihe >MTV on tour< am 15. Februar 2020

Eine auf den ersten Blick nur schnöde Adresse: Kaispeicher B. Mit einer allerdings mehr als imposanten Fassade, die, in der Art ihrer Entstehungszeit, eher verbirgt, was hinter ihr steckt. Dabei waren solche Gebäude, als sie errichtet wurden, durchaus funktional, einem Verwendungszweck unterworfen, den schon der Name anklingen lässt. Ein Speicher eben, für Lagergut, das von den Schiffen dort eingebracht wurde, die den Hamburger Hafen anliefen. Nicht wenige davon noch Segelschiffe, mit Kostbarkeiten und profanen Gütern aus aller Welt in ihren Bäuchen. Hier, vor dem um die Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm aufgeschütteten Terrain, legten sie an. An die einstigen Inseln erinnern bestenfalls noch die Fleete, die, von zahlreichen Brücken überspannt, das Geländer durchziehen.
1883 begann an der Stelle der Bau einer besonderen Stadt. Einer Stadt, für die die auf Kehrwieder und Wandrahm vorhandenen Quartiere armer Leute weichen mussten. 20 000 Menschen wurden umgesiedelt, 1 100 Häuser geschleift. 1888 wurde von Kaiser Wilhelm II. der Schlussstein für das noch längst nicht vollendete Bauvorhaben gelegt. Backsteingotik in ihrer reinsten Vollendung, manchmal arg nah am Kitsch. So allerdings waren die Zeiten: hanseatischer Kaufmannsgeist in all seiner Nüchternheit und eine gewisse Prunksucht schlossen einander selbst in Hamburg nicht aus. 1927 ließ man es bei dem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Plan dann bewenden. Die letzten Baulose, an der Ericusspitze, wurden nicht mehr realisiert.
Kaispeicher B hingegen ist bis heute eine im historischen Sinn auf seine Gegenwart bezogen erste Adresse. Mit knarrendem Dielenholz, das sein Inneres noch durchzieht und das all die längst verflogenen Gerüche von Spezereien aus aller Welt erahnen lässt, die einst hier aufbewahrt wurden. Andere Schätze sind an ihre Stelle getreten, in Gestalt einer auf einzigartige Weise erzählten Geschichte, die davon handelt, was Menschen und Schiffe, von weit her kommend, bis in unsere Zeit bewegt und bewegte. Ein Museum steckt hinter der Fassade von Kaispeicher B, das Internationale Maritime Museum Hamburg, eröffnet im Juni 2008. Über ein eigenes Museum, das ihre Bau- und Nutzungsgeschichte dokumentiert, verfügt die Speicherstadt im Übrigen auch. Es befindet sich seit 2011 im historischen Block L.
Dorthin zog es am 15. Januar 2020 uns, die Teilnehmer des ersten Ausflugs von MTV on tour, allerdings nicht. Ziel war, wie von Dieter Meyer-Richartz angeregt und vorbereitend organisiert, das bei weitem größere Haus im Kaispeicher B. Das Internationale Maritime Museum eben, das seit seiner Eröffnung Jahr um Jahr mehr als 100 000 Besucher anlockt. Auf die paar aus den Reihen des MTV Nautilus kam es an dem Tag allerdings an. Nicht ganz sachgerecht und standesgemäß mit dem Niedersachsenticket aus Bremen angereist, aber zum Staunen bereit. Wohl ahnend, aber nicht wirklich wissend, dass sie aus dem nicht so schnell wieder herauskommen sollten.
Genau genommen ist das Internationale Maritime Museum das Werk eines einzigen Menschen. Peter Tamm, ehemals Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, litt, anders lässt sich das kaum formulieren, an seiner Liebe zur See. Aus einer alteingesessenen Hamburger Seefahrerfamilie hervorgegangen, gelangte er, Jahrgang 1928, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Kadett auf das Segelschulschiff Gorch Fock. Letzter Dienstgrad: Fähnrich zur See. Ab 1948 freier Mitarbeiter beim Hamburger Abendblatt, und nach gelungenem Einstand, dort Schiffsredakteur. Sein klares Gespür für einen einmal eingeschlagenen Kurs führte ihn aus dieser Position bis an die Spitze des Konzerns. Keineswegs nur nebenbei gelang ihm dazu ein weiterer Coup: Zeitlebens trug Tamm zusammen, was Schiffe und Seefahrt ausmachte, auf eine, wie noch heute zu spüren ist, durchaus kindhafte Weise. Die des Sammlers und Jägers, der mit Netz und Botanisiertrommel über Felder und Wege springt und aufliest, was er dort findet. Mit, laut Wirtschaftsmagazin Forbes, 1991 5 Millionen DM Jahresgehalt zählte er zuletzt wohl zu den besser dotierten Kindern auf dieser Erde. So gelangten 120 000 Bücher und Atlanten, zahllose Schiffsmodelle, mehr als 50 000 Konstruktionspläne, Steuerräder, Fernmeldeanlagen, Segelgarn jeder Länge und selbstverständlich auch allerlei Schnickschnack in seinen Besitz.
Streift man, wie wir am 15. Februar, durch das Haus, das guten Gewissens sein Haus genannt werden darf, liegt als dies vor einem. Das Schlachtschiff Bismarck, 1939 von der Helling 9 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel gelaufen, am 27. Mai 1941 nach einem vom britischen Flugzeugträger Ark Royal aus geführten Torpedoangriff im Nordatlantik verloren gegangen. Man muss nur auf diese Geschichte schauen, so detailreich dokumentiert wie die der von polynesischen Stämmen im Pazifik geschaffenen und genutzten Einbäume, oder auf die umfangreich dokumentierte Geschichte der Seefunk- und Radartechnik, um zu erkennen, welche unbezähmbare Neugierde und welcher Erkenntnisdrang zur Entstehung dieser Sammlung geführt haben müssen. Peter Tamms Hinterlassenschaft ist notwendigerweise durch viele von ihm und seinen Sachwaltern allerdings gut geführte Hände gegangen. Sein Geist spielt virtuos mit Wind und Wellen wie mit den ihm zuarbeitenden Menschen, bis heute, mehr als drei Jahre nach seinem Tod. Sollte er, wie vermutet werden darf, manchmal nicht allzu bequem gewesen sein, lag das sicherlich auch in seiner Natur. Ein in allem, im Beruf wie in seinen Obsessionen, von einem strengen Kalkül geleiteter Exzentriker, wenn man so will.
Apropos Geist: Zieht man durch diesen Kaispeicher B, der, was naheliegt, nicht Etagen aufweist, sondern eine Ordnung nach Decks, neun an der Zahl, von ein paar abgesehen, in die man eher unversehens gerät, dann fordert das irgendwann den Körper heraus. Es übersteigt schlicht die physische Kondition, und es überfordert, im Gleichklang, die Auffassungsgabe. Ein paar von uns schafften es bis Deck 4, ein paar sogar bis Deck 5, und allen stand eigentlich die Sehnsucht nach der eigenen, nicht ganz so ausufernd konzipierten maritimen Meile am Vegesacker Hafen in die Augen geschrieben. Aber selbst auf dem Niedergang stößt man noch auf Wunder über Wunder. Wann ist einem schon klar geworden, außer für den Fall, man wäre der Konstrukteur, was für ein unüberschaubar komplexes Gebilde schon in Zeiten der klassischen Dampfschifffahrtszeit eine Maschinenanlage war? In dem Modell, das das veranschaulicht, geht man regelrecht verloren. Wie viel leichter fällt da doch die Orientierung im System der maritimen Orden und Ehrenzeichen aus aller Herren Länder. Man sorgt sich angesichts der Fülle der in Vitrinen von beträchtlicher Ausdehnung gezeigten Objekte allerdings, ob einem beim Passieren all der Fundstücke nicht unversehens Ärmelstreifen und Schulterklappen zuwachsen könnten.
Irgendwann steht man wieder unten, im Souvenirshop, wie sich das für ein gut geführtes Museum gehört. Im Geiste beflügelt und von maritimen Impressionen erfüllt. Nur der Körper kam noch nicht ganz zu seinem Recht. So schauten alle vor der Zeit, die eigentlich noch vor ihnen gelegen hätte, im dem Haus angeschlossenen Restaurant Alte Liebe vorbei, um sich dort wieder zu begegnen und neu zu gruppieren. Bereit, mit dem Niedersachsenticket dieses Tages letzte große Fahrt anzutreten. Selbst dieser Ort lieferte noch eine Erkenntnis stiftende Pointe: Labskaus, das in den Augen von Binnenländern und Touristikförderern maßgebliche Seefahrergericht, Labskaus war aus!